Glück

Ein junger Mann blickt verträumt in die Ferne. Vielleicht denkt er daran, wie er durch Psychotherapie wieder zum Glück gefunden hat.

Verhexung durch Sprache

Kürzlich hörte ich den Satz: “Ich habe einfach kein Glück in Beziehungen.” Da stimmt aber einiges nicht an dieser Aussage, dachte ich bei mir - und dabei kannte ich die Person noch nicht einmal persönlich, die das sagte!

Um deutlich zu machen, was an obiger Aussage nicht stimmt, bedarf es einer genaueren Analyse. Zuerst kann man die Struktur dieses Satzes betrachten, wobei auffällt, dass es sich um eine Verallgemeinerung handelt - und Verallgemeinerungen treffen meistens nicht zu. Oder kennen Sie etwa jemanden, der in seinem ganzen Leben nicht auch nur eine positive Beziehungserfahrung machen konnte?

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Der nächste Punkt betrifft die Zeitform des Satzes. Da das Tempus Präsens benutzt wird, das im Deutschen auch für zukünftige Ereignisse verwendet wird, suggeriert der Satz, dass der glücklose Beziehungsstatus auch in der Zukunft vorhanden sein wird, was man aber im Normalfall nicht wissen kann (außer man glaubt, in die Zukunft blicken zu können).

Daraus folgt, dass der Satz eigentlich folgendermaßen lauten müsste:

“In der Vergangenheit hatte ich öfter kein Glück in Beziehungen.” - Das klingt nun doch schon viel realistischer, oder etwa nicht?

Kommen wir nun zum Inhalt des Satzes, genauer gesagt  zur Begriffsdefinition des Schlüsselbegriffs “Glück”. Welche Auffassung von Glück liegt diesem Satz zu Grunde? Wird Glück hier nicht als etwas, das von außen kommt, etwas, das einem geschenkt wird, verstanden? Als ein Geschenk des Schicksals, über das wir nicht gebieten können? Glück als Versprechen des Lebens, über dessen Einlösung wir keine Macht haben - das ist eine Einstellung, aus der dann, wenn dieses Glück nicht eintrifft, weil man stets nur passiv darauf wartete, Enttäuschung und Trauer resultieren können. 

Der Begriff “Glück” kann in der deutschen Sprache auf zwei verschiedene Weisen verstanden werden. Erstens im Sinne von “Glück haben”, zweitens im Sinne von “glücklich sein”. So kann es nun allerdings zu einer Vermischung dieser beiden Bedeutungsebenen kommen, woraus dann der Gedanke entstehen kann, dass man Glück haben muss, um glücklich zu sein.

Vorsicht, Denkfehler! - oder um es mit einem Zitat des Philosophen Ludwig Wittgenstein zu sagen:

“Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache” (PU §109), wobei statt des Wortes “Philosophie” durchaus auch der Begriff “Psychotherapie” verwendet werden kann.

Wenn “Glück haben” die (gedankliche) Voraussetzung von “glücklich sein” ist, impliziert das, dass man keine Macht darüber hat, glücklich zu werden, denn Glück wäre dann ausschließlich von externen Faktoren abhängig. “Das Glück ist ein Vogerl” - wie man bei uns im schönen Wien sagt. Aber ist das so?

Interne oder externe Attribution

Die aus der Psychologie stammenden Attributionstheorien liefern hierzu interessante Denkanstöße. Eine gemeinsame Grundlage dieser Theorien ist die Beobachtung, dass Menschen sich das Verhalten anderer Menschen zu erklären versuchen, wenn sie zu wenig Informationen über das jeweilige Verhalten haben.

Sind zwischenmenschliche Situationen mehrdeutig (und da gibt es sicher viele Beispiele), besteht nun die eine Möglichkeit, dass man zu dem Schluss kommt, die Ursachen des Verhaltens liegen in der handelnden Person selbst, d.h. in seinen Charaktereigenschaften, Überzeugungen oder anderen Persönlichkeitseigenschaften (interne Attribution). Die andere Möglichkeit ist, zu dem Schluss zu kommen, dass die Ursachen des Verhaltens in der Situation liegen bzw. in den Umständen begründet sind (externe Attribution).  

Durch eine psychologische Studie (F.D. Fincham et al.: Marital violence, marital distress and attributions. In: Journal of Family Psychology. 11, 1997, S. 367-372) konnte beobachtet werden, dass in glücklichen Ehen signifikant häufiger eine auf Persönlichkeitseigenschaften beruhende (interne) Ursachenzuschreibung von angenehmen Verhaltensweisen des Partners vorkommen, während negative Verhaltensweisen des Partners eher externen Umständen zugeschrieben werden.

In einer anderen Untersuchung konnte man belegen, dass depressive Menschen dazu neigen, Misserfolge intern (z.B. “Das muss wohl an mir liegen.”) und Erfolgserlebnisse extern (z.B. “Ich habe da wohl einfach nur Glück gehabt.”) zu attribuieren. Für die Psyche gesünder wäre es hingegen, Misserfolge extern (z.B. “Ich hatte da einfach nur Pech.”) und Erfolgserlebnisse intern (z.B. “Ich bin wirklich gut darin.”) zu attribuieren.

Angenommen, sie erwarten den Anruf eines Freundes oder einer Freundin - doch dieser gute Freund oder diese gute Freundin ruft Sie einfach nicht an und Sie wissen nicht, warum. Was könnte wohl der Grund dafür sein?

Zu welchem Attributionsstil neigen Sie?

Aristoteles

Die Philosophie der Antike beschäftigte sich intensiv mit dem Thema “Glück”. Für Aristoteles war Glück, eigentlich Glückseligkeit (Eudaimonia), das höchste Ziel eines Menschenlebens, demgegenüber alle anderen Ziele untergeordnet bzw. nur Teilziele auf dem Weg zu diesem höchsten Glück sind.

Aristoteles legte dar, dass Lebensentwürfe, in denen es um nichts anderes als um Reichtum und Macht, Ehre oder Lust geht, zum Scheitern verurteilt sind, da es sich dabei um keine Ziele handelt, die um ihrer selbst willen dauerhaft erreicht werden können - im Gegensatz  zum höchsten Glück, der Eudaimonia.

Eudaimonia (wörtlich “von einem guten Geist  beseelt”) ist zwar von äußerlichen Faktoren wie Gesundheit, Wohlhabenheit und Ansehen nicht unabhängig, stellt sich aber im Wesentlichen durch die Weise der Lebensführung ein. Nach Aristoteles strebt alles Lebendige nach seinen jeweiligen artspezifischen Zielen, wobei der Mensch ein Spezialfall ist, denn dieser weiß als Handelnder um sein Ziel und kann sein Ziel und die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, auswählen.

Zum Erreichen des höchsten Glücks bzw. der Eudaimonia und damit zusammenhängend des guten, geglückten Lebens (Eupraxia), sind dem Handelnden Tugenden dienlich, allen voran die ethischen Tugenden, die Aristoteles in Abgrenzung zu den Tugenden des Körpers oder den Tugenden des Verstandes, als Charaktertugenden bezeichnete.

Die Tugenden des Charakters sind nach Aristoteles nicht angeboren, sondern erworbene Verfassungen, die aus Lebenserfahrung resultieren. Diese Tugenden, nämlich Besonnenheit, Maß, Tapferkeit und Gerechtigkeit, sind durch Einsicht, Nachahmung und Übung erworben und prägen unseren Charakter. Ohne Lebenserfahrung besitzt man also keine (besonders für den Beruf des Psychotherapeuten notwendigen) ausgereiften Charaktertugenden.

Gemeinsam mit der Klugheit als Verstandestugend eignen sich nun diese Charaktertugenden dazu, die richtigen Ziele und die dazu nötigen Mittel näher abzuwägen und zu bestimmen.

Epiktet

Während Aristoteles die praktische Lebensform (lat.: vita activa) als größtmögliche Verwirklichung von Stimmigkeit und Konstanz (welche wiederum ein glückseliges Leben kennzeichnen) unter den wechselhaften Bedingungen des gewöhnlichen Lebens verstand, sahen die Stoiker und Epikur die Erfüllung der Glückseligkeit hauptsächlich in der Abwesenheit von körperlichem Schmerz und unerfüllbaren bzw. unerfüllten Bedürfnissen und Wünschen.

Ein berühmter Satz aus dem Handbüchlein der Moral des Stoikers Epiktet lautet:

“Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge.”

Epiktet legte den Fokus auf das, was die Gemütsruhe beeinträchtigt und gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, dass man die Dinge immer auch anders sehen könne.

Das Ziel der Stoa war vorrangig Gemütsruhe (Ataraxia), und es gibt verschiedene Denkstrategien, diese zu erreichen. So ist es von grundlegender Wichtigkeit, zuerst Ziele, die in unserer Macht liegen, von Zielen, die nicht in unserer Macht liegen, zu unterscheiden:

“Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort alles das, was Produkt unseres Willens ist. Nicht in unserer Macht sind unser Leib, Besitz, Ehre, Amt, und alles was nicht unser Werk ist. Was in unserer Macht ist, ist seiner Natur gemäß frei, kann nicht verboten oder verhindert werden; was aber nicht in unserer Macht steht, ist knechtisch, kann verwehrt werden, gehört einem anderen zu.

Deshalb bedenke, daß du Hinderung erfahren, in Trauer und Unruhe geraten, ja sogar Götter und Menschen anklagen wirst, wenn du das von Natur Dienstbare für frei und das Fremde für dein eigen ansiehst. Hältst du dagegen für dein Eigentum nur, was wirklich dein eigen ist, und betrachtest das Fremde als fremd, so wird dich niemand jemals zwingen oder hindern; du wirst niemanden anklagen oder beschimpfen, und nicht das geringste mit Widerwillen tun; niemand kann dir schaden; du wirst keinen Feind haben, und nichts, was dir nachteilig sein könnte, wird dir begegnen.”

Epikur

Für Epikur machten Ataraxia, das “Unerschüttertsein der Seele”, zusammen mit Schmerzfreiheit (Aponia) den Zustand des höchsten Glücks (Eudemonia) aus. Epikur aber beantwortete die Frage nach dem Glück nicht wie der Stoiker Epiktet intellektuell, sondern emotional. Eudemonia war nach Epikur eine Frage der Lust - und Lust könne auf Dauer nur in einer Haltung erfahren werden, die sich dem Einfluss von Veränderungen und Reizen der Welt entzieht.

Aus der Vergänglichkeit des Seienden schloss Epikur zudem, dass es unvernünftig sei, sich um den eigenen Tod zu kümmern: “Der Tod bedeutet für uns nichts, da alles Gute und Schlechte in der Empfindung ist, der Tod aber ist der Verlust der Empfindung” (Brief an Menoikois, 124)

Die Bezeichnung “Epikuräer” war lange Zeit ein Synonym für genussorientierte Menschen, was jedoch ein Zerrbild darstellt, das vor allem durch die christliche Rezeption entstanden war. Epikur ging es darum, wie man gut leben soll und er wandte sich gegen den Exzess (da dieser Unwohlsein verursacht). Epikurs Position war, dass es keinen Schmerz gibt, der es wert ist, eingegangen zu werden und dass es auch keine Lust gibt, die es wert ist, empfunden zu werden, wenn sie Schmerz zur Folge hat. Epikurs Grundthese war: Der Mensch will nicht leiden. Was die menschliche Seele will, ist Harmonie. Man bedürfe der Lust nur dann, wenn die Abwesenheit von Lust schmerzt. Durch das Streben nach Lust wolle man - so Epikur - nur den Schmerz vertreiben. Vielleicht hätte Epikur auch die Position vertreten, dass Sucht ein Symptom für eine tiefer liegende Erkrankung ist. Welch Verschwendung es doch ist, wenn sich das Leben darauf reduziert, in Abhängigkeit eines künstlichen Bedürfnisses zu verharren!

Dinge, die Sterbende am meisten bereuen

Bronnie Ware arbeitete als Palliativpflegerin und schrieb ein Buch mit dem Titel: “Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern.” Sie begleitete ihre Patienten zu Hause in den Tod und in den Gesprächen mit den Sterbenden hört sie stets dieselben Vorwürfe und dasselbe Bedauern, nicht das Leben gelebt zu haben, das man sich gewünscht hatte. In ihrem Buch nennt sie als die fünf Dinge, die die Sterbenden, mit denen sie gearbeitet hatte, am häufigsten bereuten:

1. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben”

2. “Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.”

3. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.”

4. “Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten”

5. “Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.”

Erkenntnisse der modernen Glücksforschung

Zum abschließenden Denkanstoß noch drei grundlegende Erkenntnisse der modernen Glücksforschung über das Glücklichsein, die die obigen Ausführungen auch zu bestätigen scheinen: 

1. Das Glück liegt in dir.

2. Du kannst lernen, glücklich zu sein.

3. Du musst dich für das Glück entscheiden.

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Literatur:

Höffe, Otfried (2009). Aristoteles: Die Hauptwerke. Tübingen: A. Francke Verlag.

Rapp, Christof (Hg.) (2010). Epikur: Ausgewählte Schriften. Frankfurt a.M.: Kröner.

Schulte, Joachim (Hg.) (2006). Wittgenstein Werkausgabe Band 1. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Steinmann, Kurt (Hg.) (2008). Epiktet: Handbüchlein der Moral. Reclam: Stuttgart.

Ware, Bronnie (2013). 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. München: Arkana.