Der autoritäre Charakter

Wie entstehen autoritäre politische Systeme? Wie war es möglich, dass so furchtbare Dinge wie der Holocaust, der stalinistische Terror oder die chinesische Kulturrevolution geschahen? Was bringt Menschen, die offenkundig von der Terrorisierung bis hin zur Ermordung zahlloser Mitmenschen wussten, dazu, nichts dagegen zu unternehmen, sondern dabei zuzusehen oder gar mitzumachen? 

In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts stellte der Psychoanalytiker Erich Fromm eine grundlegende Theorie über bestimmte Charakterzüge auf, die mit der Entstehung repressiver Gesellschaftssysteme in Zusammenhang stehen. Theodor W. Adorno und seine Mitarbeiter griffen diese Theorie auf und legten eine breit angelegte Studie an, aus der sie das Konzept des autoritären Charakters entwickelten.

Einige der Merkmale dieses Charakters, wie autoritäre Aggression, Destruktivität und Zynismus, finden sich auch in modernen Aggressionstheorien wieder (vgl. Myers, 2014, S. 626). Dadurch ist es möglich, Gewaltideologien und damit zusammenhängend Terrorismus als Ausdruck einer Aggression zu sehen, die psychologisch betrachtet, auf individuellen, charakterliche Ursachen beruht.  

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Die Furcht vor der Freiheit

Das Konzept des autoritären Charakters wurde vor allem von Erich Fromm vorbereitet, der auch der wichtigste Begründer der psychoanalytisch orientierten Sozialpsychologie ist. Fromm war ab 1930 Leiter der sozialpsychologischen Abteilung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) und entwickelte den Begriff des Gesellschaftscharakters. 

In seinem Buch Die Furcht vor der Freiheit (Erstveröffentlichung 1941 unter dem Titel Escape from Freedom) beklagt Fromm, dass “für die meisten Psychiater [...] die Struktur ihrer eigenen Gesellschaft etwas so Selbstverständliches [ist], daß für sie ein nicht gut angepaßter Mensch das Stigma der Minderwertigkeit trägt. Andererseits gibt man einer gut angepaßten Person auf der Skala menschlicher Werte einen höheren Rang.” (Fromm, 2016, S. 105) Wie kommt es dazu?

Für Fromm hat der Mensch zwei Möglichkeiten, den unerträglichen Zustand seiner Ohnmacht und Einsamkeit, der aus seiner Individuation und damit einhergehend mit dem entwicklungspsychologisch bedingten Verlust der Sicherheit seiner primären Bindungen entstanden ist, zu überwinden:

“Der eine Weg führt in die “positive Freiheit”. Der Mensch hat die Möglichkeit, spontan in Liebe und Arbeit mit der Welt in Beziehung zu treten und auf diese Weise seinen emotionalen, sinnlichen und intellektuellen Fähigkeiten einen echten Ausdruck zu verleihen. Auf diese Weise kann er mit seinen Mitmenschen, mit der Natur und mit sich selbst wieder eins werden, ohne die Unabhängigkeit und Integrität seines individuellen Selbst aufzugeben. 

Der andere Weg, der ihm offensteht, ist zu regredieren, seine Freiheit aufzugeben und den Versuch zu machen, seine Einsamkeit dadurch zu überwinden, daß er die Kluft, die sich zwischen seinem Selbst und der Welt aufgetan hat, beseitigt.” (Fromm, 2016, S. 106)

Erich Fromm beschreibt die wesentlichen Eigenschaften, die diesem anderen (dem Flucht-)Weg eigen sind:

  • Autoritarismus
  • Destruktivität
  • Rückzug
  • Selbstinflation
  • automatenhafte Konformität

Das Verstehen dieser kulturell signifikanten Mechanismen bezeichnet Fromm als unbedingte Voraussetzung für die Analyse eines totalitären Systems. (vgl. Fromm, 2016, S. 106) 

In diesem Zusammenhang ist eine nähere Betrachtung des in der gegenwärtigen Diskussion häufig verwendete Begriff der “Radikalisierung” von Interesse, der mit dem Aufstieg des islamischen Fundamentalismus einen “boomhaften Aufschwung” (Reichardt, 2017, S. 68) erfuhr. Wissenschaftliche Studien zum gegenwärtigen islamischen Terrorismus basieren “auf nicht vollständig ausgearbeiteten Modellbildungen [...]. Zwar werden Krisen als Auslöser einer Radikalisierung untersucht, aber die Zeitlichkeit der Krise als eine zähe, langgestreckte, nicht enden wollende Zeit, als eine Dauerkrise aus Sicht der sich Radikalisierenden, wird nicht untersucht.” (Reichardt, 2017, S. 72) 

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass in der gegenwärtigen Diskussion der Fokus zu sehr auf den äußeren Umständen und zu wenig auf der Persönlichkeit der sich Radikalisierenden liegt, deren Analyse durch ebendiese Fokussierung auf äußere Umstände viel zu stark in den Hintergrund tritt. Die Arbeiten von Adorno und Fromm zum autoritären Charakter bzw. zur autoritären Persönlichkeit können hier eine wesentliche Hilfestellung bieten, um den Blick auf das radikalisierte Individuum bzw. auf sein Innenleben zu richten (anstatt z.B. die Ursachen der Radikalisierung einseitig an "fehlenden Angeboten" der Aufnahmegesellschaft festzumachen).

Für den Psychoanalytiker Fromm ist der autoritäre Charakter im Wesentlichen synonym mit dem sadomasochistischen Charakter, der Autorität bewundert und sich dieser zu unterwerfen strebt, gleichzeitig aber selbst autoritär sein will und andere gefügig machen will. Dieses Muster findet sich in allen autoritären politischen oder religiösen Systemen und in der Einzelperson als ein Bündel von Charaktereigenschaften, das solche Systeme ermöglicht und begründet. Will man aus diesem Muster ausbrechen, kann sich dies mitunter als äußerst schwierig gestalten und eine begleitende Psychotherapie ist ratsam.

Studien zum autoritären Charakter

In den Studien zum autoritären Charakter wurde von der These ausgegangen, dass ideologisch-politische Denkschemata eine Funktion bei der Anpassung der eigenen Bedürfnisse an die Gesellschaft erfüllten. Dabei wurden Antisemitismus und Rassismus nicht als isolierte Phänomene betrachtet, sondern als Symptome eines größeren ideologischen Syndroms untersucht, “dessen Attraktivität auf bestimmten psychischen Bedürfnissen bestimmter Individuen beruht. Daraus ergab sich das zentrale Ziel der Untersuchung, nämlich jene Charakterdispositionen genauer zu fassen, die für faschistische Ideologien empfänglich machen.” (Honneth, 2006, S. 103)

Das bedeutet, dass Antisemitismus und Rassismus nicht das Ursprüngliche, sondern Symptome eines im Hintergrund befindlichen Charaktertypus sind, der außerdem noch hinter einer Reihe anderer antidemokratischer Symptome stehen kann.

In Adornos Untersuchung kam ein in vielen Vorstufen erprobter Fragebogen kam zum Einsatz, getarnt als harmlose Meinungsumfrage, in dessen Zentrum die F-Skala (=Fascism Scale) stand. Es sollte möglich gemacht werden, latent antidemokratische Charaktermerkmale messen zu können, ohne diesen Zweck erkennbar zu machen. Für Adorno hatte der Begriff "faschistisch" übrigens dieselbe Bedeutung wie "antidemokratisch", diese Begriffe werden in den Studien zum autoritären Charakter auch synonym verwendet, wobei der Begriff "antidemokratisch" für die gegenwärtig aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen geeigneter ist, da durch diesen Begriff umfassender benannt werden kann, was das eigentliche Problem ist.

Die Charaktermerkmale, die für antidemokratische Ideologien anfällig machen, lassen sich der Studien zum autoritären Charakter zufolge durch 9 Variablen, die zusammengenommen die F-Skala ausmachen, beschreiben (vgl. Schwandt, 2010, S. 77). Die 9 Variablen der F-Skala (oder heute vielleicht passender: der Antidemokratie-Skala) sind:

Konventionalismus, autoritäre Unterwürfigkeit, autoritäre Aggression, Anti-Intrazeption, Aberglaube und Stereotypie, Machtdenken und Robustheit, Destruktivität und Zynismus, Projektivität und Sexualität.

Konventionalismus

Adorno ging von der Hypothese aus, dass die am stärksten Angepassten die meisten Vorurteile hätten. Im Laufe der Untersuchungen zum autoritären Charakter bildeten sich zwei Gruppen von Konventionellen heraus: die der voreingenommenen Konventionellen und die der unvoreingenommenen Konventionellen. Den Unterschied beschrieb Adorno folgendermaßen: “Wenn die Unterwerfung unter konventionelle Werte Ausdruck eines voll ausgebildeten Gewissens war, mußte nicht zwangsläufig eine Verbindung zwischen diesen Wertvorstellungen und antidemokratischem Potential bestehen. Die gleichen Verhaltensnormen, die das Individuum leicht empören, weil es in ihnen die niedrige Moral nichtassimilierter Minderheiten oder der “unteren Klassen” sieht, würden - wären sie hinreichend internalisiert - seinen Widerstand gegen Gewalt und Verbrechen hervorrufen, die im fortgeschrittenen Stadium eines totalitären Systems auftreten. Wo andererseits gesellschaftlicher Druck an konventionellen Normen festhalten läßt, wo der Konventionalismus auf dem Beharren des Individuums an den Normen der Kollektivmacht beruht, mit der es sich im Augenblick identifiziert, ist auf antidemokratische Empfänglichkeit zu schließen.”

Die Sozialpsychologen Webber und Kruglanski (2017)  nennen drei Faktoren, die die Bereitschaft, sich terroristischen Aktivitäten anzuschließen, erhöhen: Individuelle Bedürfnisse, Ideologie und Gruppenprozesse (vgl. Webber /Kruglanski, 2018, S. 132), wobei die beiden Faktoren Ideologie und Gruppenprozesse Berührungspunkte mit dem, was Adorno unter Konventionalismus verstand, aufweisen und in enger Verbindung zu den individuellen Bedürfnissen entsprechender Individuen stehen.  Gruppenprozesse finden in Netzwerken statt, die eine Kollektivmacht bilden, deren (antidemokratische) Normen (Konventionen) wiederum in diesen Netzwerken durch Gruppenprozesse stabilisiert werden. Individuen beharren auf den Konventionen der Kollektivmacht, um weiter am Netzwerk teilzuhaben. Die Teilhabe am Netzwerk ermöglicht es diesen Individuen, vorhandene Gefühle von Minderwertigkeit in ihr Gegenteil zu verkehren: jetzt sind sie Teil von etwas Besonderem. Das Kollektiv erfüllt nun individuelle Bedürfnisse nach narzisstischer Zufuhr, die das Individuum z.B. in der westlichen Leistungsgesellschaft nicht erhalten konnte. Neben individuellen Bedürfnissen und Gruppenprozessen spielt als dritter wichtiger Faktor wie erwähnt eine gemeinsame Ideologie, ein gemeinsames Narrativ eine große Rolle, eine gemeinsame Erzählung, die wiederum dazu dient, sich von “den Anderen” abzugrenzen, diese zu entwerten und sich dabei selbst zu erhöhen. Diese Selbsterhöhung kann mitunter auch durch eine Opferhaltung erreicht werden.

Konventionalismus kann in verschiedenen Gruppen beobachtet werden, in denen es Individuen darum geht, sich besser als “die Anderen” zu fühlen - übertriebener Nationalismus, religiöser Fanatismus und auch “politisch korrekter” Dogmatismus sind Beispiele dafür. Kritisches, selbstständiges Denken bzw. auf Tatsachen beruhende Argumentation ist dabei "out", der Dialog wird verweigert, denn was zählt, ist das befriedigende Gefühl, sich auf der (vermeintlich) richtigen, auf der "guten" Seite zu befinden.

Autoritäre Unterwürfigkeit

Adorno hatte in den Studien zum autoritären Charakter den nationalsozialistischen Führerkult und die Unterwerfung unter die Autorität des Massenmörders Adolf Hitler im Fokus, als er in seinen Untersuchungen vom Faktor der autoritären Unterwürfigkeit schrieb. Im für die Untersuchung verwenden Fragebogen wurde versucht, “die Skalensätze so zu fassen, daß Zustimmung nicht nur Zeichen eines realistischen, ausgewogenen Respekts vor echter Autorität, sondern eines übermäßigen, totalen, emotionellen Bedürfnisses nach Unterwerfung sein mußte.” (Adorno, 1995, S.49)

Eine Hypothese Adornos und seiner Mitarbeiter war, dass durch diese übermäßige Unterwürfigkeit ambivalente Gefühle gegenüber Machtpersonen gesteuert werden sollten: “unterschwellige, feindselige und rebellische Impulse durch Furcht in Zaum gehalten, führen im Individuum zu einem Übermaß an Ehrfurcht, Gehorsam, Dankbarkeit und Ähnlichem.” (Adorno, 1995, S.50)

Autoritäre Aggression

Die sadistischen Persönlichkeitsanteile des autoritären Charakters äußern sich in dem Wunsch, die reale oder vermeintliche Missachtung konventioneller Normen und Ideale durch Dritte hart zu bestrafen und die eigenen Aggressionen an von der Autorität nicht geschützten Gruppen abzureagieren. “Die Variable Autoritäre Aggression kann daher als die sadistische Komponente des Autoritarismus bezeichnet werden, so wie autoritäre Unterwürfigkeit seine masochistische Komponente bildet. Der Konventionelle, der zu wirklicher Kritik an der akzeptierten Autorität nicht imstande ist, wird vermutlich den Wunsch haben, diejenigen zu verurteilen und zu bestrafen, welche sie mißachten.” (Adorno, 1995, S. 50)

“Hat das individuum erst einmal die Überzeugung gewonnen, daß es Menschen gibt, die bestraft werden sollten, hat es freie Bahn gefunden, in die es seine tiefsten aggressiven Triebe leiten und sich dennoch für durchaus moralisch halten kann.” (Adorno, 1995, S.51)

Adorno beschreibt hier die psychodynamischen Abwehrmechanismen der Verdrängung und der Projektion, die man auch mit Ich-Schwäche bzw. mit Strukturpathologie in Verbindung bringen kann. Die fragile psychische Struktur, die dem Druck der körperlichen Triebe und der komplexen äußeren Realität kaum gewachsen scheint, wird durch ein Ideal, mit dem sich die ichschwache Persönlichkeit identifiziert, stabilisiert: “Ich -Schwäche scheint mit Konventionalismus und Autoritarismus zusammenzugehen. Sie kommt in der Unfähigkeit zum Ausdruck, innerhalb der Charakterstruktur ein konsistentes und dauerhaftes System moralischer Werte zu errichten, und augenscheinlich ist es die Situation, die das Individuum nötigt, nach einer organisierenden und koordinierenden Kraft außerhalb seiner selbst zu suchen.” (Adorno, 1995, S.53) 

Der wütende Mob, der den Andersdenkenden für vogelfrei erklärt und versucht, ihn sozial, psychisch oder gar physisch zu zerstören, besteht aus genau solchen Individuen.

Anti-Intrazeption: prinzipielle Entwertung des Gefühlvollen, Menschlichen, Emotionalen; Mangel an Empathie.

Unter Intrazeption versteht Adorno “eine Dominanz von Gefühlen, Phantasien, Grübeleien, Sehnsüchten - eine vor allem auf Imaginationen gründende, subjektive Anschauungsweise.” Das Gegenteil, Extrazerption, bezeichnet eine Wahrnehmungsweise, die sich eher von objektiven Tatsachen, konkreten, eindeutig wahrnehmbaren Bedingungen leiten lässt. (vgl. Adorno, 1995, S. 54), wobei der extrem Anti-Intrazeptive es nicht wagt, “über menschliche Phänomene nachzudenken, weil er die falschen Dinge zu denken fürchtet; er scheut das genuine Gefühl, weil er die Kontrolle über seine Emotionen verlieren könnte. Ohne Zugang zum Großteil seines Innenlebens, fürchtet er sich vor dem, was die Beschäftigung mit sich selbst oder die Beobachtungen anderer über ihn zum Vorschein bringen könnten.” (Adorno, 1995, S. 54)

Der Anti-Intrazeptive ist ein Opfer seiner Selbstzensur und vegetiert - von seinen Gefühlen, seinen Sehnsüchten und von seiner Kreativität abgeschnitten - in seinem selbst erschaffenen geistigen Gefängnis dahin.

Aberglaube und Stereotypie

“Stereotypie ist eine Form von Beschränktheit besonders in psychologischen und sozialen Fragen. Man darf unterstellen, daß die Menschen in der modernen Gesellschaft -selbst die im übrigen “intelligenten” oder “informierten” - deshalb zu primitiven, vereinfachenden Erklärungen von Geschehnissen greifen, weil so viele der zu einer adäquaten Interpretation notwendigen Gedanken und Beobachtungen zu den Überlegungen nicht zugelassen werden, da sie affektiv besetzt sind und Angst erzeugen könnten; das schwache Ich ist nicht imstande, sie in sein Denkschema aufzunehmen.” (Adorno, 1995, S.55)

“Aberglaube bezeichnet eine Tendenz des Individuums, die eigene Verantwortung äußeren, der eigenen Kontrolle entzogenen Kräften zuzuschreiben; Aberglaube ist ein Indiz, daß das Ich bereits “aufgegeben”, daß es auf den Gedanken verzichtet hat, sein Schicksal durch Überwindung der äußeren Mächte selbst bestimmen zu können” (Adorno, 1995, S.56)

Machtdenken und Robustheit: Bewunderung von Macht und Stärke

Diesem Punkt liegt die Hypothese zugrunde, dass “die übermäßige Zurschaustellung von Robustheit nicht nur die Schwäche des Ich reflektieren kann, sondern auch die Schwere der ihm gestellten Forderung, das heißt, die Intensität bestimmter Triebbedürfnisse zu bewältigen, die von der Gesellschaft geächtet werden.” (Adorno, 1995, S. 58)

Destruktivität und Zynismus

Adorno schreibt, dass das das “antidemokratische Individuum infolge zahlloser, ihm von außen auferlegter Restriktionen seiner Triebbefriedigungen starke aggressive Impulse [hegt].” (Adorno, 1995, S. 58)

Hier findet sich ein Berührungspunkt zur Frustrations-Aggressions-Theorie. Das zugrunde liegende Prinzip dieser Theorie ist der Versuch des Aggressors bzw. der Aggressoren, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, bzw. ein Ventil für die aus der Frustration entstandene Aggression zu finden. 

Das autoritäre Individuum findet Ventile für diese Aggression in der Verdrängung auf Fremdgruppen, was zu moralischer Geringschätzung und auch zu autoritärer Aggression (siehe oben) führt. In den Theorien zur Entstehung von Terrorismus spielt dieser Ansatz eine wichtige Rolle.

Projektivität: Konstruktion von verfemten Fremdgruppen

Projektion ist (wie schon oben erwähnt) ein Abwehrmechanismus, um Triebe Ich-fremd zu halten, was als ein Zeichen für die Unzulänglichkeit des Ichs betrachtet werden kann, seine Funktionen zu erfüllen: “Der Autoritäre tendiert dazu, seine unterdrückten Impulse auf andere Menschen zu projizieren, um diese dann prompt anzuklagen.” (Adorno, 1995, S.60)

In der psychodynamischen bzw. tiefenpsychologischen Psychotherapie ist der Abwehrmechanismus der Projektion gemeinsam mit denen der projektiven Identifizierung, der Spaltung, der Introjektion, der Verleugnung und der Sexualisierung einer der vorherrschenden Abwehrmechanismen, die dem niederen Strukturniveau entsprechen, wobei das niedere Stukturniveau einer Struktur-Pathologie entspricht und das Ergebnis von Störungen der bedeutenden Interaktionen in der frühen sensorischen und Individuationsentwicklung  ist. Im Zentrum des niederen Strukturniveaus steht “der Mangel an differenzierenden und integrativen Ich-Funktionen und basalen Fähigkeiten der Selbst- und Beziehungsregulation. Er ist mit Spaltungsprozessen und nicht integrierten Selbst- und Objektrepräsentanzen verbunden. Die Folge sind wechselnde Selbst-Zustände, ein labiler Realitätsbezug sowie eine geringe Belastbarkeit durch Affekte, Impulse und zwischenmenschliche Spannungen und Probleme. Klinisch wird dieses Strukturniveau von maßloser Aggression und Destruktion beherrscht.” (Ermann, 2007, S. 90)

Sexualität: starke und charakteristische Strafsucht gegen Übertretungen einer als konventionell wahrgenommenen Sexualmoral

Unter der Variable Sexualität versteht Adorno ich-fremde Sexualität: “In dem starken Trieb, Übertreter des Sexualkodex zu züchtigen (Homosexuelle, Sittlichkeitsverbrecher) kann sich eine allgemeine Strafsucht äußern, die auf der Identifikation mit Autoritäten der Eigengruppe basiert, die aber auch darauf schließen läßt, dass die eigenen Triebe des Individuums unterdrückt werden und in Gefahr sind, seiner Kontrolle zu entgleiten” (Adorno, 1995, S.61)

Fazit:

Zusammenfassend lässt sich eine wesentliche Gemeinsamkeit von Individuen, die für antidemokratisches Gedankengut empfänglich sind und Individuen, die mit extremer Gruppengewalt, (“religiös” motiviertem) Terrorismus bzw. mit militantem Islamismus sympathisieren ausmachen: Es ist dies der autoritäre Charakter, welcher sich durch folgende Eigenschaften auszeichnet:

  • eine starre Bindung an konventionelle Wertvorstellungen oder Korrektheiten
  • unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe, Denkverbote, Gesinnungsdruck
  • eine Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die die als absolut betrachteten Ideale bzw. Wertvorstellungen der Eigengruppe missachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können (z.B. durch Sittenwächter oder Verleumdungskampagnen)
  • Abwehr des Subjektiven, des Gefühlvollen, Phantasievollen, Sensiblen (z.B. der Begriff “entartete” Kunst oder die Weigerung, am Kunst- oder Musikunterricht teilzunehmen, Karikaturenstreit)
  • Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals, Disposition in rigiden Kategorien zu denken (z.B. “Herrenrasse” bzw. "überlegene" Ideologie / Religion)
  • Denken in Dimensionen wie Herrschaft-Unterwerfung, stark-schwach, Führer-Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten, übertriebene Zurschaustellung von Stärke, Macho-Gehabe
  • Allgemeine Feindseligkeit, Herabwürdigung des Menschlichen
  • Projektion unbewusster Triebimpulse in die Außenwelt (z.B. die "unreine westliche Gesellschaft")
  • übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen bzw. mit Sexualität (z.B. Jungfräulichkeitswahn, Verhüllungsgebote)

Literatur:

Adorno, Theodor W. (1995). Studien zum autoritären Charakter. 10. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Ermann, Michael (2007). Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage. 5. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.

Fromm, Erich (2016). Die Furcht vor der Freiheit. Ungekürzte Ausgabe 1990. 20. Aufl. München: dtv. 

Hogg, Michael A.; Vaughan, Graham M. (2014). Social Psychology. 7.Aufl. Harlow: Pearson.

Honneth, Axel (Hg.) (2006). Schlüsseltexte der Kritischen Theorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Myers, David G. (2014): Psychologie. 3. Aufl. Berlin: Springer.

Reichardt, Sven (2017). Radikalisierung. Zeithistorische Anmerkungen zu einem aktuellen Begriff. Geschichte und Gesellschaft 43, 68-91.

Schwandt, Michael (2010). Kritische Theorie. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling Verlag.

Webber, David; Kruglanski, Arie W.(2017). The social psychological makings of a terrorist. Current Opinion in Psychology, 19 (2018), 131-134.