Narzisstische Mütter und Geschwisterdynamik

Das Kind einer narzisstisch gestörten Mutter blickt verängstigt in die Welt. Psychotherapie kann helfen.

Narzisstische Persönlichkeiten zeichnen sich im Umgang mit ihren Mitmenschen vor allem durch fehlendes Mitgefühl aus. Mitmenschen werden von ihnen meist als nützliche Instrumente, als eine Art Verlängerung der eigenen Gliedmaßen gesehen, die, solange sie ihren Zweck erfüllen, gut behandelt werden - und schnell fallen gelassen werden, wenn sie nicht mehr nützlich sind. Narzissten leben oft in einer gespaltenen Welt und Mitmenschen sind, solange sie dem Narzissten nicht gleichgültig sind, entweder gut oder schlecht, entweder werden sie in den Augen des Narzissten idealisiert oder sie werden entwertet. Menschen mit denen sie zu tun haben, sind für Narzissten also entweder nützliche oder unnütze Objekte. 

Narzisstische Mütter mit mehreren Kindern können eine gespaltene Welt auf ihre Kinder übertragen. So kann beobachtet werden, dass ein Kind, das sogenannte goldene Kind, zum Träger positiver Eigenschaften wird, während ein anderes Kind, der sogenannte Sündenbock, zum Träger negativer Eigenschaften wird.

Im goldenen Kind spiegelt die narzisstische Mutter sich selbst. Sie benutzt das goldene Kind, um in diesem ihre selbstverliebten Träume zu verwirklichen - Träume von dem, was sie sich in ihren (bis zum Größenwahn gesteigerten) Phantasien für sich selbst immer ersehnt hat. 

Als eigenständige Persönlichkeit wird das goldene Kind von der narzisstischen Mutter allerdings nicht wahrgenommen, denn dazu fehlt es einer solchen Mutter an der dazu nötigen Empathie. Das goldene Kind dient der Mutter vielmehr als Instrument der indirekten narzisstischen Selbstverwirklichung. Aus diesem Grund umspinnt sie dieses Kind mit Phantasien von grenzenlosem Erfolg und das goldene Kind wird so zu einem Star, auf den die Welt scheinbar schon immer gewartet zu haben scheint. 

Das Aufwachsen in so einer narzisstischen Blase führt beim goldenen Kind - je nach Schweregrad der Störung der Mutter - in weiterer Folge zu einem unrealistisch-übersteigertem und grenzenlos-grenzüberschreitendem Selbstwertgefühl, unter dem später vor allem die nähere Umgebung des erwachsenen goldenen Kindes leiden wird. 

In der heutigen Gesellschaft, in der es wichtig ist, sich verkaufen zu können, um erfolgreich zu sein und in der oft der Schein mehr zählt als das Sein, kann so ein (falsches) Selbstbewusstsein, viel besser, viel schöner, viel intelligenter oder viel talentierter als alle anderen zu sein, durchaus von Nutzen sein. Man findet solche Menschen daher oft in Bereichen, in denen nicht so genau auf die tatsächliche Qualifikation geachtet wird und die Wahrung des schönen Scheins auch oft dadurch gewährleistet ist, dass man von Seinesgleichen umgeben ist: in einer narzisstischen Blase, in der man sich besser fühlen kann als alle anderen. 

Das andere Kind, dem von der narzisstischen Mutter die Sündenbock-Rolle zugeteilt wurd, erhält die Aufgabe, immerzu die Verantwortung zu übernehmen und die in der Familie nicht vorhandene Empathie durch seine Person auszugleichen. Während sich das goldene Kind alles erlauben kann und darf, wird das Sündenbock-Kind für alles verantwortlich gemacht. Gibt es einen Streit zwischen den Geschwistern, hat das Kind in der Sündenbock-Rolle Schuld. Kommt es zu Rivalität zwischen den Geschwistern, sorgt die narzisstische Mutter dafür, dass das Sündenbock-Kind stets den Kürzeren zieht. Dieses Kind hat sich stets hinten anzustellen und nachzugeben und lernt, dass - was immer es auch tun mag - es in der verkehrten Welt seiner Familie keinen Wert hat.

Oft spielt auch der Vater mit, denn verhält dieser sich den Vorstellungen der narzisstischen Mutter entsprechend, wird er von ihr dafür belohnt. Eine besonders komplexe Variante der hier beschriebenen Dynamik kann in Patchworkfamilien vorkommen, etwa wenn eine narzisstische Stiefmutter dem Stiefkind die Sündenbockrolle überstülpt. 

Ein Beispiel für die Dynamik zwischen dem goldenen Kind und dem Sündenbock findet sich im Märchen Aschenputtel der Gebrüder Grimm, in dem auch wunderbar die Sehnsucht nach Gerechtigkeit für das von der Stiefmutter und ihren dummen und hässlichen Töchtern missbrauchte Aschenputtel ausgedrückt wird. Das Märchen geht für das missbrauchte Kind gut aus, Aschenputtel wird durch magische Unterstützung aus seiner Sündenbockrolle befreit. 

Das Märchen vom Aschenputtel zeigt auch sehr gut die Dynamik einer verkehrten Welt, die die narzisstische Mutter ihren Kindern überstülpt und die mit der Realität außerhalb der Familie nicht sehr viel gemeinsam hat. Während in so einer verkehrten Welt das goldene Kind gefördert wird, um seiner Rolle als (zukünftiger) Star gerecht zu werden, werden die (z.B. schulischen) Erfolge des Sündenbock-Kindes ignoriert oder heruntergespielt und entwertet. Der Fokus der Wahrnehmung der narzisstischen Mutter liegt beim Sündenbock-Kind stets auf dem Negativen. 

Die wiederholte Erfahrung der Geringschätzung durch die narzisstische Mutter und das Aufwachsen in ihrer verkehrten Welt verhindern nun beim Sündenbock-Kind die Entstehung eines gesunden Selbstvertrauens, was sich im späteren Erwachsenenleben vor allem in einem unrealistisch-verringerten Selbstwertgefühl zeigt. 

Aber es gibt auch Ressourcen: Für das Kind in der Sündenbock-Rolle war es unabdingbar, feine Antennen für die Stimmungen der Familienmitglieder zu entwickeln und so verfügt das Sündenbock-Kind über ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und überdies über ein hohes Maß an Integrität und Zähigkeit. Diese Eigenschaften werden ihm später im Erwachsenenalter dabei helfen, ein gutes Leben führen zu können, vorausgesetzt, es ist dazu in der Lage, sich von schädlichen familiären Einflüssen abzugrenzen, sich davon frei zu machen und auch spätere destruktive Dynamiken in Beziehung und Beruf (Stichwort: Missbrauch) zu erkennen und zu vermeiden, bzw. sich dagegen zur Wehr zu setzen. Bei diesem wichtigen Prozess kann eine Psychotherapie bei einem mit dieser Thematik vertrauten Psychotherapeuten sehr hilfreich und unterstützend sein.

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Abgrenzung

Nicht alle goldenen Kinder werden später Soziopathen. Doch das narzisstische goldene Kind zeichnet sich dadurch aus, dass es Lustgewinn vor allem auch dadurch erfährt, gemeinsam mit dem narzisstischen Elternteil das Selbstvertrauen des Kindes, das in der Sündenbockrolle gefangen ist, zu zerstören. 

Dieser psychische Missbrauch hat mitunter sehr starke Auswirkungen auf das Erwachsenenleben des missbrauchten Kindes, ja, der Missbrauch durch das goldene Kind und die narzisstische Mutter kann sich bis weit hinein ins Erwachsenenalter fortsetzen. Immer wieder kann das goldene Kind - nun schon erwachsen - (unbewusst) die Dreieckskonstellation Sündenbock - goldenes Kind - narzisstischer Elternteil reinszenieren. Die Rolle des Elternteils kann dabei durch etwas ersetzt werden, das dem nun ebenfalls erwachsenen ehemaligen Sündenbock-Kind auf irgendeine Weise von Bedeutung ist. Dabei kann es sich um Freunde, Arbeitskollegen, oder irgendeine Organisation handeln. Das goldene Kind versucht nun, in den Bereich des Geschwisterkindes einzudringen und dieses - wie es in seiner Kindheit gelernt hat - in eine defensive Position zu bringen, um so Lustgewinn für sich herauszuschlagen. Wie zufällig begegnet das erwachsene goldene Kind so Freunden und Arbeitskollegen des Geschwisterkindes, wie zufällig arbeitet es im selben Berufsfeld und wie zufällig lernt es Personen kennen, die das Geschwisterkind kennen. Wie selbstverständlich lassen sich viele der nun gemeinsamen Bekannten dann vom speziellen Charme des erwachsenen goldenen Kindes blenden und werden dann geschickt von diesem dazu instrumentalisiert, das ahnungslose Geschwisterkind wieder in seine Sündenbockrolle zu drängen, indem zum Beispiel Lügengeschichten erzählt werden, um es in Misskredit zu bringen.

Aus diesem Grunde raten Therapeuten den Patienten, die in solchen Konstellationen viele Jahre ihres Lebens verbrachten, mitunter zu völligem Kontaktabbruch, und zwar zur gesamten Ursprungsfamilie.

Der Kontaktabbruch allein zum goldenen Geschwisterkind kann nämlich dazu führen, dass dieses sich nun in seiner narzisstischen Kränkung als Opfer stilisiert und versucht, die gesamte Ursprungsfamilie gegen den Sündenbock, der es wagt, aus seiner Rolle auszubrechen, aufzubringen.

Der Kontaktabbruch kann auch dazu führen, dass das goldene Kind aus seiner narzisstischen Kränkung heraus versuchen wird, die Existenz des Objekts, das seit der Kindheit immer für seinen Lustgewinn zur Verfügung gestanden hat, zu zerstören. 

Das ehemalige Sündenbock-Kind weiß nichts von all dem, das sich hinter seinem Rücken abspielt, doch irgendwann meldet sich im Umgang mit Freunden oder Arbeitskollegen das bekannte mulmige Gefühl aus der Kindheit und es weiß nicht, warum. Gute Freunde brechen dann plötzlich den Kontakt ab, Arbeitskollegen verhalten sich anders, manchmal kann es auch zu Mobbing kommen. 

Für Betroffene empfiehlt sich eine unterstützende Psychotherapie durch einen mit der Thematik vertrauten Psychotherapeuten.