Psychopathie und Narzissmus

Die böse Königin aus dem Märchen Schneewittchen, Psychopathie und Narzissmus in Person. Im Umgang mit solchen Personen ist eine Psychotherapie sehr empfehlenswert und oft hilfreich.

Was ist Narzissmus?

Narzissmus ist ein Begriff, der im Alltag oft und gern benutzt wird, obwohl - zumindest in der Psychologie oder der Psychotherapie - eine einheitliche Begriffsdefinition fehlt. Sowohl “normale” als auch pathologische Selbstliebe können mit diesem Begriff bezeichnet werden.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird als Narzisst ganz allgemein ein Mensch bezeichnet, der nur auf sich selbst bezogen ist. Synonyme zum Adjektiv “narzisstisch” sind die Eigenschaftswörter “ichbezogen” und “selbstsüchtig”.

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Ursprung des Begriffs “Narzissmus”

Der antike römische Dichter Publius Ovidius Naso (43 v.Chr. - 17 n.Chr), besser bekannt unter dem Namen Ovid, erzählt in seinem Werk “Metamorphosen” die in der griechischen Mythologie angesiedelte Geschichte von Narziss, der mit unstillbarer Selbstliebe bestraft wird, weil er alle seine Verehrer und Verehrerinnen herzlos zurückweist. Als sich Narziss in einer Wasserquelle sieht, verliebt er sich in sein eigenes Spiegelbild, ohne zu erkennen, dass er sich selbst sieht. Er erkennt die Unerfüllbarkeit seiner Liebe und verschmachtet vor seinem Spiegelbild, bis er stirbt. In einer anderen Version stürzt Narziss ins Wasser und ertrinkt.

Sigmund Freud verwendete den antiken Mythos von Narziss in der von ihm entwickelten psychoanalytischen Theorie, wobei man in der heutigen Psychoanalyse unter Narzissmus ganz allgemein die “Liebe, die man dem Bild von sich selbst entgegenbringt” (Laplanche/Pontalis, 1973, S.317) verstehen kann. 

Die Rezeption des Narzissmus-Begriffs ist bei Freud (anders als seine Ödipus-Rezeption) weniger biographisch als bildungsbürgerlich, wobei eine starke neuplatonisch-christliche und aufklärerische Moralisierung auftritt, von der auch die Psychoanalyse insgesamt dominiert wird (vgl. Mertens/Waldvogel, 2008, S. 491f.).

Da Freud seine Narzissmustheorie nie mit seiner Strukturtheorie abglich, blieb eine Grundspannung unaufgelöst: pathologische und normale Phänomene (z.B. Schlaf, Verliebtheit, Partnerwahl, Selbstgefühl, Hypochondrie, Größenwahn) werden unter dem Oberbegriff “Narzissmus” zusammengezwungen. Als Reaktion darauf entstanden in der psychoanalytischen Theoriebildung abweichende Ideen, vor allem an der Grenze zum Begriff des “primären Narzissmus”. (vgl. Mertens/Waldvogel, 2008, S. 492).

Abnormer Narzissmus

Otto Kernberg unterscheidet Formen des abnormen Narzissmus, der sich vom normalen infantilen Narzissmus (normale verinnerlichte Objektbeziehungen) und vom normalen Narzissmus des Erwachsenen (beziehungsfähiges Selbst mit individualisiertem Über-Ich) abhebt, wobei der “echten narzisstischen Persönlichkeit” die Eigenschaften zugeschrieben werden, die auch dem nahekommen, wenn in der Alltagssprache von einem Narzissten oder einer Narzisstin gesprochen wird:

“Die echte narzisstische Persönlichkeit, als spezifische Charakterstörung um ein pathologisches Größen-Selbst zentriert, zeichnet sich bei oberflächlich sozialem Funktionieren durch extreme Selbst-Bezogenheit, übermäßiges Bedürfnis nach Bewundertwerden, inflationäres Selbstkonzept und gleichzeitig Minderwertigkeitsgefühle, emotionale Flachheit, mangelnde Empathie, Neid, Misstrauen, Entwertung und parasitäre Ausbeutung anderer aus. Verschieden schwer ausgeprägt, liegt immer anormale Selbst- und Objektliebe vor.” (Mertens/Waldvogel, 2008, S. 493)

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Für die Diagnose psychischer Erkrankungen werden die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (fünftes Kapitel der ICD-10) und parallel das DSM-5 (ein psychiatrisches Klassifikationssystem der USA) verwendet. Beide Klassifikationssysteme sind weitgehend kompatibel, auch eine Umkodierung von Diagnosen zwischen den beiden Systemen ist möglich.

Im Klassifikationssystem der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft (APA), dem DSM-5, wird die NPD (Narcissistic Personality Disorder) unter der Kennzal 301.81 angeführt. Bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung handelt es sich um ein tiefgreifendes Muster von Grandiosität (in Fantasie und/oder Verhalten), dem Bedürfnis nach Bewunderung und einem signifikanten Mangel an Einfühlungsvermögen, wobei der Beginn der Störung im frühen Erwachsenenalter liegt. 

Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (z. B. übertreibt die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).
  2. Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.
  3. Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.
  4. Verlangt nach übermäßiger Bewunderung.
  5. Legt ein Anspruchsdenken an den Tag (d. h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen).
  6. Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (d. h. zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen).
  7. Zeigt einen Mangel an Empathie: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
  8. Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie.
  9. Zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

In der ICD-10 wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung unter der Rubrik “Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen (F 60.8) kategorisiert. Obwohl diese Diagnose relativ häufig verwendet wird, wird sie in der ICD-10 nicht näher charakterisiert, allerdings gibt es im Anhang vorlaufige Kriterien, die fast wortwörtlich dem Text aus dem DSM-5 (siehe oben) entsprechen. 

Im DSM-5 gibt es noch das folgende alternative Modell zur Charakterisierung der NPS, wobei Bedingungen aus den Bereichen A und B erfüllt sein müssen:

Bereich A: Mittelgradige oder stärkere Beeinträchtigung im Funktionsniveau der Persönlichkeit, die sich durch typische Schwierigkeiten in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestiert:

  • Identität: Übermäßiger Vergleich mit anderen zur Selbstdefinition und Selbstwertregulation; übertriebene Selbstüber- oder -unterschätzung oder schwankend zwischen den Extremen; die Emotionsregulation hängt stark von Fluktuationen im Selbstwertgefühl ab.
  • Selbststeuerung: Die persönliche Zielsetzung orientiert sich am Erlangen von Anerkennung durch andere; die persönlichen Maßstäbe sind unangemessen hoch, um sich als außergewöhnlich erleben zu können, oder zu niedrig aus einer überzogenen Anspruchshaltung heraus; die Person ist sich oftmals eigener Motivationen nicht bewusst.
  • Empathie: Eingeschränkte Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Personen zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren; übertriebene Ausrichtung auf die Reaktionen anderer, jedoch nur, wenn diese als wichtig für die eigene Person betrachtet werden.
  • Nähe: Zwischenmenschliche Beziehungen sind weitgehend oberflächlich und dienen der Selbstwertregulation; die Gegenseitigkeit ist eingeschränkt durch geringes echtes Interesse an den Erfahrungen anderer und durch das vorherrschende Bedürfnis nach persönlichem Gewinn.

Bereich B: Vorliegen der beiden folgenden problematischen Persönlichkeitsmerkmale:

  • Grandiosität: Anspruchshaltung, entweder offenkundig oder verborgen; Selbstbezogenheit; starkes Festhalten an der Überzeugung, besser zu sein als andere; herablassende Haltung gegenüber anderen.
  • Suche nach Aufmerksamkeit: Übermäßiges Bestreben, aufzufallen und im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer zu stehen; Verlangen nach Bewunderung.

Die amerikanische Psychoanalytikerin Sandy Hotchkiss definiert sieben Merkmale, die häufig bei Narzissten vorhanden sind (vgl. Hotchkiss 2002):

  • Schamlosigkeit
  • Magisches Denken
  • Arroganz
  • Neid
  • Anspruchsdenken
  • Ausbeuterisches Verhalten
  • Schlechte Grenzen 

Narzissmus in Familien und Organisationen

Stephanie Donaldson-Pressman und Robert M. Pressman beschreiben eine spezifische dysfunktionale Familiendynamik, die sie als narzisstische Familiendynamik bezeichnen (vgl. Donaldson-Pressman/ Pressman, 1994).

Ein typisches Merkmal einer narzisstischen Familie ist, dass die emotionalen Bedürfnisse der Kinder den Bedürfnissen der Eltern gegenüber unwichtig sind und die Kinder für die Eltern da sein müssen, statt umgekehrt. Das Elternsystem steht im Zentrum und Kinder aus narzisstischen Familien sind dazu da, um die (emotionalen) Bedürfnisse der Eltern zu erraten und zu erfüllen. Im späteren Leben werden solche Kinder oft zu sogenannten People-Pleasern, zu Erwachsenen, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht kennen oder nicht wichtig nehmen und oft nicht wissen, wer sie wirklich sind und sein wollen. 

In einigen Richtungen der Organisationsberatung werden Firmen, Organisationen bzw. Betriebe unter psychodynamischen Gesichtspunkten als große Familien gesehen, in denen sich das wiederholt, was eine Person als Kind in ihrer Ursprungsfamilie gelernt hat. 

Was sind nun die Merkmale einer Firma, eines Betriebs bzw. einer Organisation, in der sich ein Individuum mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung wohl fühlt, sodass es zu einer Passung kommen kann?

In welchen Betrieben, Firmen oder Organisationen fühlen sich Menschen wohl, die keine klaren Grenzen akzeptieren und allgemeingültige Regeln nicht ernst nehmen? Wo werden sie für ihr Fehlverhalten nicht sanktioniert und wo genießen diese talentierten, oft charmanten Manipulatoren Narrenfreiheit?

Es sind Organisationen, in denen oft nicht nach Qualifikation gefragt wird bzw. in denen eine solche nicht überprüft wird (wahrscheinlich weil auch die Vorgesetzte nicht wegen der Qualifikation sondern wegen anderer unklarer Gründe ihre Position innehat), Organisationen, in denen keine Transparenz vorherrscht und in denen es keine klare Struktur gibt.

Pseudowissenschaftlichkeit kann in einer solchen Organisation auch ein Thema sein: in der Hierarchie Höherstehende können so behaupten, was sie wollen und willkürliche Urteile fällen - einzig und allein, weil sie für sich die Deutungshoheit beanspruchen und weil sich auch widersprüchliche Aussagen beliebig “wissenschaftlich” oder durch “Erfahrung” begründen lassen (ein Verhalten, das übrigens auch von Sektenführern oft und gerne praktiziert wird).

Kritische Stimmen werden zum Schweigen gebracht, Jasager werden gefördert. Streit, Manipulation und Intrigen stehen - da es ja keine klaren Grenzen und keine echte Struktur gibt - an der Tagesordnung. Narzissten bzw. Psychopathen fühlen sich in solchen Strukturen der Willkür wahrscheinlich pudelwohl und da sie gerne die Chefs spielen, sind sie oft (und schnell) Vorgesetzte, die ihre Untergebenen ausbeuten und als nützliche Objekte betrachten, über deren Bedürfnisse hinweggesehen werden kann. 

Ist man als Kind in einer narzisstischen Familie aufgewachsen, besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass man sich im späteren Leben in einer ähnlichen beruflichen (Missbrauchs-) Situation wiederfindet. Eine Psychotherapie kann hier helfen.

Selbstschutz und Abgrenzung

Nach Hotchkiss steht zu Beginn einer erfolgreichen Abgrenzung zu ausbeuterisch-narzisstischen Personen als erster Schritt Selbsterkenntnis, da die Interaktion mit Narzissten oft dazu führen kann, dass sich deren Verzerrung der Realität überträgt und man in der Folge seine eigene Wahrnehmung bzw. seine eigene Sicht der Dinge zu bezweifeln beginnt. 

Der zweite Schritt besteht darin, die Realität zu “umarmen” und ihr zu vertrauen, denn Irrealität ist das Kennzeichen von Narzissmus, egal ob es sich um Perfektionsansprüche, Vorstellungen darüber, wie etwas zu sein hat, Illusionen, Tatsachenverzerrungen, Katastrophendenken oder andere Formen von Übertreibung, Verleugnung oder auch um offene Lügen handelt. 

Der dritte Schritt besteht in Abgrenzung. Narzissten behandeln ihre Mitmenschen so, als ob diese nur zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse existieren würden und kümmern sich wenig um Menschen, die ihnen nicht irgendwie von Nutzen sein können. 

Es ist auf jeden Fall Vorsicht geboten, denn fühlen sich Narzissten durchschaut oder gekränkt - weil man z.B. etwas hat oder jemand ist, das der Narzisst nicht hat oder ist - so kann das im Narzissten Neid- und Minderwertigkeitsgefühle auslösen, die so stark werden können, dass der Narzisst mit diesen extremen Emotionen (die er sich natürlich nicht anmerken lassen darf) kaum zurechtkommt. 

Die einzige Lösung besteht für die Narzisstin in der Beseitigung der Kränkungsquelle, d.i. die Person, von der die Kränkung, durch die sie sich bedroht fühlt, ausgeht: Manipulation, gewalttätige Kommunikation, Ausgrenzung, Mobbing bzw. der Versuch der sozialen Vernichtung sind dabei übliche Vorgehensweisen narzisstisch Gestörter.

Um hier die richtigen Schritte für Betroffene zu setzen, ist psychotherapeutische Begleitung durch einen qualifizierten, mit der Thematik vertrauten Psychotherapeuten angezeigt.

Was ist Psychopathie?

In den diagnostischen Manualen werden in Zusammenhang mit Psychopathie die Begriffe “antisoziale Persönlichkeitsstörung” (DSM-5) und “dissoziale Persönlichkeitsstörung” (ICD-10) verwendet.

Nach der ICD-10 ist die dissoziale Persönlichkeitsstörung (nicht zu verwechseln mit der dissoziativen Identitätsstörung) durch folgende diagnostische Kriterien gekennzeichnet:

Neben sozialer Abweichung weist die dissoziale Persönlichkeitsstörung charakterliche Besonderheiten auf, insbesondere Egozentrik, mangelndes Einfühlungsvermögen und defizitäre Gewissensbildung. Kriminelle Handlungen sind also nicht zwingend erforderlich. Mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:

  1. Herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer
  2. Deutliche und andauernde verantwortungslose Haltung und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen
  3. Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung dauerhafter Beziehungen, obwohl keine Schwierigkeit besteht, sie einzugehen
  4. Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives, einschließlich gewalttätiges Verhalten
  5. Fehlendes Schuldbewusstsein oder Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen
  6. Deutliche Neigung, andere zu beschuldigen oder plausible Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch welches die Betreffenden in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten sind

Im diagnostischen Manual der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft (APA), dem DSM-5, müssen für die Diagnose der antisozialen Persönlichkeitsstörung folgende Kriterien erfüllt sein:

A. Es besteht ein tiefgreifendes Muster von Missachtung und Verletzung der Rechte anderer, das seit dem 15. Lebensjahr auftritt. 

Mindestens drei der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Versagen, sich in Bezug auf gesetzmäßiges Verhalten gesellschaftlichen Normen anzupassen, was sich in wiederholtem Begehen von Handlungen äußert, die einen Grund für eine Festnahme darstellen
  2. Falschheit, die sich in wiederholtem Lügen, dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen äußert
  3. Impulsivität oder Versagen, vorausschauend zu planen
  4. Reizbarkeit und Aggressivität, die sich in wiederholten Schlägereien oder Überfällen äußert
  5. Rücksichtslose Missachtung der eigenen Sicherheit bzw. der Sicherheit anderer
  6. Durchgängige Verantwortungslosigkeit, die sich im wiederholten Versagen zeigt, eine dauerhafte Tätigkeit auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen
  7. Fehlende Reue, die sich in Gleichgültigkeit oder Rationalisierungen äußert, wenn die Person andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen hat

B. Die Person ist mindestens 18 Jahre alt.

C. Eine Störung des Sozialverhaltens war bereits vor Vollendung des 15. Lebensjahres erkennbar.

D. Das antisoziale Verhalten tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung auf.

Die Psychopathie- Checkliste

Der Begriff Psychopathie weist viele Gemeinsamkeiten mit dem der antisozialen (bzw. dissozialen) Persönlichkeitsstörung auf und in der Alltagssprache wird meist nicht zwischen den Begriffen unterschieden. Dennoch bestehen Unterschiede und Psychopathie kann außerdem als schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung angesehen werden. Der amerikanische Kriminalpsychologe Robert Hare (vgl. Hare, 1993) erstellte eine Psychopathie-Checkliste, die oft in forensischen Settings verwendet wird:

Psychopathische Verhaltensweisen lassen sich nach Hare in zwei Gruppen unterteilen:

Gruppe 1: eigensüchtige und mitleidlose Individuen mit überhöhtem Selbstwertgefühl, die andere ausbeuten.

Gruppe 2: Individuen mit einem antisozialen, von Impulsivität und Verantwortungslosigkeit geprägten Lebensstil (entsprechend den Kriterien der antisozialen Persönlichkeitsstörung).

Zur Erfüllung der Kriterien der Psychopathie muss ein Individuum über folgende Merkmale verfügen:

  1. Unfähigkeit zur Empathie
  2. ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit
  3. emotionale Flachheit (fehlende Gefühlstiefe)

Hare ist zudem der Meinung, dass nur ca. 20% von Personen, die eine antisoziale (dissoziale) Persönlichkeitsstörung diagnostiziert haben, hohe Werte im Bereich der Psychopathie aufweisen.

Psychopathie könne nach Hare allerdings auch bei Personen auftreten, die die diagnostischen Kriterien einer antisozialen (dissozialen) Persönlichkeitsstörung nicht erfüllen. Psychopathie könne zum Beispiel als Komorbidität mit einer narzisstischen oder auch Borderline-Persönlichkeitsstörung auftreten.

Zudem weisen viele Psychopathen eine normale oder sogar erfolgreiche Biografie auf, sind sozial unauffällig bzw. angepasst und können durch besonderen Ehrgeiz und Machtbewusstsein, Berechnung und Manipulation sogar hohe Führungspositionen erreichen. 

Kriminalität ist also nicht notwendig für die Diagnose von Psychopathie als auch von APS, da es auch viele angepasste Menschen mit diesen Störungen gibt, die beruflich erfolgreich sind. In der Berufswelt können antisoziale Persönlichkeitszüge sogar zum Vorteil werden: Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie weisen sogar darauf hin, dass Führungspersonen von Unternehmen häufiger von dieser Störung betroffen sein könnten.

Maligner Narzissmus und Psychopathie

Der Übergang von narzisstischem Anspruchsdenken hin zum Versagen, sich an die gesellschaftlichen moralischen Normen anzupassen bzw. sich an die Gesetze zu halten ist fließend. So kann es dazu kommen, dass sich narzisstisch Gestörte bzw. Psychopathen z.B. (akademische) Abschlüsse durch von Ghostwritern verfasste Abschlussarbeiten erschwindeln, ohne dabei - bedingt durch die eigene Anspruchshaltung - auch nur die Spur eines Gefühls von Reue oder von schlechtem Gewissen zu haben. Aber auch andere und oft sehr kreative Formen von Betrügereien werden angewendet, ohne dass sich das narzisstisch-gestörte bzw. psychopathische Individuum eines moralischen Fehlverhaltens bewusst ist. 

Stattdessen neigen diese Individuen dazu, einer Scheinmoral zu folgen und den Personen, die durch ihr Verhalten geschädigt und oft auch (psychisch, sozial und/oder materiell) ruiniert werden, die Schuld zuzuschieben (Opferbeschuldigung). 

Oft geht dieses Verhalten Hand in Hand mit dem Versuch, sich selbst als Opfer der Person, die eigentlich geschädigt wurde, darzustellen (Täter-Opfer-Umkehr).     

Der oben beschriebene maligne Narzissmus und Formen von Psychopathie sind nur selten in der psychotherapeutischen Praxis anzutreffen (Ausnahme: forensische Psychotherapie, Zwangsmaßnahme). 

Vielmehr hat man es in der freien psychotherapeutischen Praxis mit Menschen zu tun, die unter diesen Individuen leiden und oft nicht mehr weiterwissen. Die Betroffenen zweifeln dann an sich selbst und an ihrer Wahrnehmung der Dinge, auch weil Menschen mit den oben beschriebenen Störungsbildern in unserer Gesellschaft sehr erfolgreich sein können und sie überdies oft über eine äußerst “charmante Art” verfügen. Das führt in der Wahrnehmung der Betroffenen oft zu dem Gedanken, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmen würde, obwohl sie es ja sind, die ausgebeutet bzw. geschädigt werden.  

Strategien im Umgang mit Psychopathen

So wie Hotchkiss der Frage nachgeht, wie man sich am besten vor dem negativen Einfluss narzisstisch Gestörter schützt, behandelt Hare wichtige Punkte im Umgang mit Psychopathen. Er nennt als ersten Punkt zum Selbstschutz vor Psychopathen, zu wissen, womit man es zu tun hat. Jeder, so Hare, auch ein Fachexperte für Psychopathie, kann von einem Psychopathen manipuliert, betrogen und verzweifelt zurückgelassen werden. Man findet Psychopathen in jedem Bereich der Gesellschaft und deshalb sei es für die eigene Verteidigung am wichtigsten, die Natur dieser menschlichen Raubtiere zu verstehen.

Der zweite wichtige Punkt ist es, so Hare, sich nicht von Äußerlichkeiten beeinflussen zu lassen, sich nicht vom gewinnenden Lächeln, der fesselnden Körpersprache oder der schnellen Kommunikation über die wahren Absichten einer Psychopathin hinwegtäuschen zu lassen. Viele Menschen haben, so Hare, Schwierigkeiten, mit dem intensiven, emotionlosen, raubtierähnlichen Blick des Psychopathen umzugehen, der von diesem oft als Machtdemonstration eingesetzt wird und der auf viele Personen einschüchternd wirkt.

Ein weiterer Punkt: man soll keine “Köder” tragen (die z.B. auf finanziellen Wohlstand hindeuten könnten).

In gewissen Situationen soll man besonders aufmerksam sein, denn diese seien für Psychopathen maßgeschneidert - wie zum Beispiel Single-Bars, Clubs, Erholungs- und Urlaubsorte, Kreuzfahrten und ausländische Flughäfen, um nur einige zu nennen. Einzelne Reisende sind übrigens ein Lieblingsziel von Psychopathen.

Der nächste Punkt ist schon bekannt, er nimmt auch im Umgang mit Narzissten eine wichtige Rolle ein: Selbsterkenntnis. Psychopathen sind geübt darin, die Schwachpunkte anderer Menschen zu erkennen und diese rücksichtslos zu nutzen. Die beste Verteidigung ist es, die eigenen Schwachstellen zu kennen und zu schützen (z.B. die Anfälligkeit für Schmeicheleien). Einsame Menschen mit Geld sind, nebenbei bemerkt, extrem einfache Ziele für Psychopathen.

Was man tun kann, nachdem man Opfer eines Psychopathen wurde:

  • professionelle Unterstützung suchen, am besten bei einem Psychotherapeuten, der mit der Thematik vertraut ist
  • sich nicht selbst die Schuld geben. Psychopathen spielen überall mit denselben Regeln - ihren eigenen Regeln - und zwar mit jedem.
  • man soll sich bewusst sein, wer das Opfer ist. Psychopathen neigen dazu, sich selbst als Opfer zu stilisieren und eine Täter-Opfer-Umkehr anzuwenden. Dabei stammen die Probleme der Psychopathin primär aus der Tatsache, nicht zu bekommen, was sie wollten. Die Probleme des Opfers stammen hingegen von körperlichem, emotionalem oder finanziellem Ausgenutztwerden.
  • Klarheit darüber, dass man nicht allein ist. Viele Psychopathen haben sehr viele Opfer. Jeder kann ungeschützt gegenüber Psychopathen sein und man muss sich nicht dafür schämen, zum Opfer geworden zu sein. Oft ist es überraschend, zu erfahren, wie viele Menschen schon hereingelegt wurden.
  • Vorsicht bei Machtkämpfen: Psychopathen haben ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle über andere. Sie müssen die Oberhand haben, und sie werden Charme, Einschüchterung und Gewalt nutzen, um ihre Macht abzusichern. Das bedeutet zwar nicht, dass man sich nicht für seine Rechte einsetzen soll - nur wird es schwierig sein zu gewinnen, ohne dabei ernsthafte emotionale oder körperliche Verletzungen zu riskieren.

Was ist Soziopathie?

Vom Begriff Psychopathie ist der Begriff Soziopathie abzugrenzen, der keine offizielle Diagnose darstellt und sich auf Verhaltensmuster bezieht, die von der Gesellschaft generell als regelwidrig, asozial oder kriminell angesehen werden. Soziopathie wird häufig unter dem Gesichtspunkt erlernter Verhaltensmuster betrachtet, die für die Soziopathin in ihrer (früheren) Umgebung oft überlebensnotwendig waren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es “den” Narzissmus nicht gibt. Die alltagssprachliche Verwendung des Begriffs unterscheidet sich von seiner fachsprachlichen Verwendung und in der psychodynamischen bzw. tiefenpsychologischen Theorie gibt es - wie schon erwähnt - keine klare Begriffsdefinition. Weiters gibt es Übergänge bzw. Berührungspunkte zum Psychopathie-Begriff, wobei festgehalten werden muss, dass der Psychopathie-Begriff weder im DSM-5 noch in der ICD-10 als Diagnose enthalten ist, die Ursachen von Psychopathie nach wie vor nicht eindeutig geklärt sind und die Verwendung des Begriffs nach wie vor eher unscharf ist.

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Literatur:

Dilling, H.; Mombour, W.; Schmidt, M.H. (Hg.) (2008). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. Bern: Huber.

Donaldson-Pressman, Stephanie; Pressman, Robert M. (1994). The Narcissistic Family: Diagnosis and Treatment. San Francisco: Jossey-Bass Publishers.

Falkai, Peter; Wittchen, Hans-Ulrich (Hg.) (2015). American Psychiatric Association: Diagnostische Kriterien DSM-5. Göttingen: Hogrefe.

Hare, Robert D. (1993). Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths Among Us. New York: The Guilford Press.

Hotchkiss, Sandy (2002). Why is it Always About You? New York: Free Press.

Laplanche, J.; Pontalis, J.-B. (1973). Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt: Suhrkamp.

Mertens, Wolfgang; Waldvogel, Bruno (Hg.) (2008). Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart: Kohlhammer.